Die Eurozone in der Endloskrise

Drei Erklärungen zur Eurokrise liefert Gerald Braunberger heute im Wirtschaftsblog der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Bei der streng neoliberalen Ausrichtung des Wirtschaftsteils der FAZ schwant dem regelmäßigen Leser schon Übles aber schauen wir uns den Artikel einmal näher an:

Vor mehreren Monaten hat sich eine Gruppe von Ökonomen in London getroffen um zu ergründen was genau mit der Eurozone nicht stimmt. Das Ergebnis dieses Treffens wird offenbar von vielen weiteren Ökonomen akzeptiert aber natürlich nicht von allen. Das war wegen der grundsätzlich unterschiedlichen Sichtweisen der ökonomischen Glaubensrichtungen auch nicht zu erwarten.

 

Die Konsens-Sicht

Worum geht es: Die Eurokrise ist keine Staatsschuldenkrise sondern wurde durch die Gier der Geldverwalter und die Naivität der Regierungen in den südlichen Ländern der Eurozone ausgelöst. Die ärmeren Länder haben versucht ihren Lebensstandard möglichst schnell an die reichen Länder anzupassen und haben dafür Kredite aufgenommen. Die Banken der reichen Länder waren dabei nur zu gerne behilflich denn in Ländern in denen die Konjunktur gut läuft ist mit Krediten gutes Geld zu verdienen.

Irgendwann wurde den Anlegern klar das ein Investment mit hohen Renditen auch mit hohen Risiken verbunden ist, Pleiten drohten und die Banken bekamen Angst um ihr Geld. Auf einmal haben sich die Kapitalströme umgedreht, die aufstrebenden Länder bekamen keine neuen Kredite sondern die Investoren versuchten ihr Geld so schnell wie möglich in Sicherheit zu bringen indem sie es dort abzogen. Es kam zu einer  „Krise des plötzlichen Halts“ (Sudden Stop). Die Banken in den „neuen Krisenländern“ bekamen Probleme mit ihrem Eigenkapital, die Staaten mussten ihre Banken retten und haben neues Geld nur zu sehr hohen Zinssätzen bekommen. Dadurch wurden die Staaten selbst zu Sanierungsfällen.

Anmerkung von mir: Eine bemerkenswerte Analyse wenn man bedenkt das hierzulande die Fachpresse gebetsmühlenartig wiederholt hat das die Staaten schuld an der Krise sind und der Finanzmarkt alles richtig gemacht hat. Die Antwort auf die Frage was genau der Grund ist das die Eurozone seit einigen Jahren von einem Problem zum nächsten taumelt bleiben die Experten leider schuldig denn dann müssten sie Fragen beantworten die die meisten von Ihnen lieber vermeiden möchten.

Bei der Einführung des Euro wurden die Wechselkurse der nationalen Währungen zum Euro nach der Kaufkraft in den Ländern festgelegt. Ein Brot kostete in Euro also in Deutschland, Frankreich, Spanien oder Griechenland etwa das gleiche. Danach stiegen die Löhne in den Südländern deutlich während sie in Deutschland real praktisch unverändert blieben (Stichwort Agenda 2010). Da sich die Inflation parallel zu den Löhnen entwickelt haben sich die Waren in den Südländern schnell verteuert, in Deutschland dagegen sind die Preise nur geringfügig gestiegen. Man muss wohl nicht Volkswirtschaft studiert haben um sich vorstellen zu können das das mit einer gemeinsamen Währung auf Dauer nicht gutgehen kann (wenn man sich anschaut was so mancher Ökonom in den Zeitungen oder Talkshows von sich gibt ist es vielleicht sogar ein Vorteil dieses Fach nicht studiert zu haben).

 

Die nuancierte Sicht

Worum geht es: Die Experten in Deutschland konnten das natürlich so nicht stehenlassen und haben einen eigenen Entwurf dagegengesetzt. Vier der fünf sogenannten Wirtschaftsweisen, nämlich Lars Feld, Christoph Schmidt, Isabel Schnabel und Volker Wieland stimmen teilweise zu, aber das der Finanzmarkt einen Fehler gemacht haben könnte ist aus ihrer Sicht ausgeschlossen. Der wahre Schuldige ist der Staat denn er hat die Schulden gemacht, die Banken nicht richtig überwacht und das geliehene Geld falsch verwendet. Außerdem wurden die berühmten „Reformen“ nicht konsequent genug umgesetzt, also Lohndumping, Sozialkürzungen Arbeitszeitverlängerungen etc.

Anmerkung von mir: Alle haben keine Ahnung nur die Deutschen wissen genau was richtig ist. Schließlich haben die deutschen Politiker, Volkswirte und Journalisten jahrelang allen anderen gepredigt was sie tun haben (was erstmal nicht schlimm ist) und als klar war das der deutsche Weg nur tiefer in die Krise führt und die Regierungen der Südländer nicht mehr gehorcht haben wurden die eben zu ihrem Glück gezwungen. Das erinnert an den Geisterfahrer der im Radio hört „Achtung es kommt Ihnen ein Fahrzeug entgegen“ und sagt “Eins? Hunderte!“

Immerhin hat sich der Wirtschaftsweise Nummer 5, Peter Bofinger, wie immer diesem Unsinn nicht angeschlossen.

 

Die Lehrbuch-Sicht

Worum geht es: Amerikanische Volkswirte haben im Jahr 2014 ebenfalls versucht die Eurokrise zu analysieren und sind im Prinzip zum gleichen Ergebnis gekommen wie ihre Kollegen in London. Sie untersuchten dabei insbesondere wie es zu dem Versagen der Finanzmärkte kommen konnte obwohl der Markt sich ja nach den Vorstellungen der neoklassischen Volkswirte per se nicht irren kann. Heraus kam dabei das die Banken in den letzten Jahren immer weniger auf das Geld ihrer Sparer angewiesen waren und immer abhängiger von internationalen Großanlegern wurden die ihr Geld sofort abziehen wenn sie das Vertrauen in die Bank verlieren und das sich dieser Effekt selbst verstärkt wenn es eng wird. Wenn also einer sein Geld abzieht und der nächste merkt es dann macht der das gleiche usw.

Anmerkung von mir: Wenn das tatsächlich so in die Lehrbücher eingeht dann haben die Volkswirte aus der Krise nichts gelernt. Wenn die Zentralbank eine Zielinflation von 1,9% vorgibt dann müssen sich alle daran orientieren, tun sie das nicht dann zerreißt es den Währungsraum. Aber wie es scheint wird die Krise noch ein paar Jahre so weitergehen und die Bürger in der Eurozone Wohlstand und Arbeitsplätze kosten. Vielleicht setzt sich dann doch irgendwann der gesunde Menschenverstand durch.

 

Grüße vom Webfuchs

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