Freigeld – die Lösung für alle Probleme?

Nachdem es in den Artikeln der Zins Teil 1 und der Zins Teil 2 um den Zins ansich ging sollen heute die Zinskritiker selbst zu Wort kommen. Der Kaufmann Silvio Gesell begründete die Idee der Freiwirtschaft wo der Zins keine Rolle spielen soll und nur Fleiß und unternehmerisches Geschick zu Wohlstand führen sollen.

Der Ursprung

Den Anstoß für seine Thesen bekam Gesell als er im Jahr 1887 nach Argentinien auswanderte wo zu der Zeit immer wieder Wirtschaftskrisen das Land lähmten. Die Geldmenge war durch die Goldbindung begrenzt (die Zentralbank durfte nur so viel Geld in Umlauf bringen wie sie Gold als Sicherheit besitzt). Die daduch entstandene Geldknappheit hat Argentinien direkt in eine Deflationsspirale gebracht: Die Unternehmen konnten ihre Produkte nicht mehr absetzen weil die Kunden nicht genug Geld hatten -> die Preise sinken und damit die Umsätze/Gewinne der Unternehmen -> Die Kunden spekulieren auf weiter sinkenden Preise und horten Geld -> die Preise sinken weiter und damit die Umsätze/Gewinne der Unternehmen ->Die Unternehmen senken die Löhne und entlassen Mitarbeiter -> die Nachfrage sinkt weiter usw.

 

Freigeld

Dem wollte Gesell dadurch entgegenwirken das er eine Gebühr auf Geldhortung einführen wollte. Wenn jeder einmal jährlich eine Gebühr (Umlaufgebühr) an den Staat abführen muss würde sich Geldhortung nicht mehr lohnen und die Geldbesitzer würden alles Geld das sie einnehmen sofort wieder ausgeben um der Gebühr zu entkommen. Gesell wollte also das Geld mit der Zeit an Wert verliert, etwa so wie die Waren mit der Zeit an Wert verlieren indem sie z.B. rosten (Metallprodukte) oder verfaulen (Lebensmittel). Das Geld sollte also seine Funktion als Wertaufbewahrungsmittel verlieren und ein reines Tauschmittel werden.

Konkret sollte laut Gesell ein staatliches Währungsamt das Geld in Umlauf bringen und die sogenannte Umlaufgebühr einziehen. Da zu Gesells Zeiten der Geldtransfer üblicherweise über Bargeld abgewickelt wurde sollten auf den Geldscheinen Markierungen angebracht werden die entweder besagen das der Schein nach einer gewissen Zeit an Wert verliert oder sogar komplett ungültig wird. Die Besitzer der Geldscheine müssen also zum Währungsamt und eine Gebühr bezahlen damit ihr Geldschein wieder seinen ursprünglichen Wert bekommt.

 

Freiland

Da Gesell klar war das die Geldbesitzer ihr Geld dann verstärkt in Sachwerte anlegen würden sollte sogenanntes Freiland das Freigeld ergänzen. Dabei sollte nach und nach alles Land eines Staates gegen Entschädigung in Staatsbesitz überführt werden. Der Staat verpachtet das Land dann an die Meistbietenden, die darauf Gebäude errichten oder Landwirtschaft betreiben können. Beides zusammen, Freigeld und Freiland sollten verhindern das die Geld/Landbesitzer auf Kosten der Arbeiter leistungslose Einkommen erpressen können.

 

Eugenik

Die Einnahmen aus Freigeld und Freiland wollte Gesell in Form einer Mütterrente unverheirateten Frauen zur Verfügung stellen. Dadurch sollte sichergestellt werden das die Frauen finanziell unabhängig sind und sich ganz darauf konzentirern können mit den genetisch optimalen Partnern so viele Kinder wie möglich zu zeugen. Letztendlich würde sich so die Bevölkerung zum sogenannten Vollmenschen (Akraten) weiterentwickeln.  Durch die natürliche Auslese der Schwachen würden sogenannte „Bummler, Sonnenbrüder und Zigeuner“ entweder erst gar nicht geboren oder wenn doch dann würden sie das Freigeldland verlassen und nur die Leistungsfähigen im Land bleiben. So würde das Freigeld langfristig alle anderen Gesellschaftssysteme verdrängen.

 

Gesell und die Nazis

Nach dem ersten Weltkrieg hat Gesell einen weiteren Weltkrieg vorausgesagt und, vermutlich ohne es zu wollen, hat er denjenigen die Argumente geliefert die diesen Krieg von Zaun brachen und mit denen sie 1933 an die Macht kamen. Während umstritten ist ob die Nazis von der Freigeldtheorie zu ihrer Judenverfolgung inspiriert wurden hat die Zinskritik Gesells der Figur des „Geldjuden“ als Basis des Antisemitismus sicher nicht geschadet. Die Absicht Gesells, durch Optimierung des Genpools der Menschheit bessere Menschen zu erschaffen, findet sich so in den Rassegesetzen der Nazis wieder.

 

Freiwirtschaft und Neoliberalismus

Genau wie die Vertreter der neoklassischen Ökonomie geht Gesell davon aus das die freie Marktwirtschaft ein sich selbst stabilisierender Mechanismus ist. Der Markt findet immer die optimale Lösung wenn man ihn nur vor externen Eingriffen schützt. Umverteilung lehnt Gesell ab, das Einkommen der Arbeiter soll sich an der „Tüchtigkeit“ orientieren und wer wie tüchtig ein Arbeiter ist bestimmt alleine der Wettbewerb. Die Chefs der Großkonzerne würden das sicher sofort unterschreiben.

 

Geldwirtschaft gestern und heute

Geldhortung war zu Gesells Zeiten tatsächlich ein Problem. Durch die Goldbindung konnten die Geldbesitzer durch Horten dem Wirtschaftskreislauf Geld entziehen, durch die Verknappung stiegen die Zinsen und damit die Rendite der Geldbesitzer. Im aktuellen Geldsystem gibt es keine Goldbindung mehr, die Grenzen der Geldschöpfung der Geschäftsbanken werden lediglich durch die Mindestreservevorschriften der Banken gesetzt. Wenn die Geschäftsbanken jederzeit Geld schöpfen können ohne auf die Spargelder ihrer Kunden angewiesen zu sein ist Geldhortung heute kein Problem mehr für die Versorgung der Wirtschaft mit Geld.

Der Staat soll laut Gesell dafür sorgen das immer genau so viel Geld im Umlauf ist wie benötigt wird. Dabei vergeht notgedrungen eine gewisse Zeit zwischen der Ermittlung des Geldbedarfs, dem Umsetzen der Maßnahmen zur Anpassung der Geldmenge (erhöhen der Geldmenge durch staatliche Ausgaben, bzw. verringern der Geldmenge durch die Umlaufgebühr). Außerdem muss an den Schalthebeln des Geldsystems jemand sitzen der sich mit der Wirkungsweise von Geld verstanden hat, das ist bei dem derzeitigen politischen Personal höchst unwahrscheinlich.

Heute wird die Geldmenge von Angebot und Nachfrage bestimmt. Wenn jemand einen Kredit bei seiner Bank aufnimmt entsteht das Geld dafür in Echtzeit. Genau so verschwindet das Geld automatisch wieder wenn der Kredit zurückgezahlt wird. Zusätzliche Kosten für den Betrieb eines Währungsamtes und das Entwerten der Geldscheine entstehen nicht. Die Funktion der Umlaufgebühr übernimmt heute der Realzins (Nominalzins – Inflation). Wenn die Banken also z.B. einen Zins von 1% zahlen und die Inflation 2% beträgt (Zielinflationsrate der EZB) dann ist der Realzins -1%. Die Bürger haben also noch den gleichen Betrag auf dem Konto, können sich aber weniger dafür kaufen.

Fazit: Unser aktuelles Geldsystem ist dem Freigeld in Sachen Effizienz und Kosten deutlich überlegen und die Wertaufbewahrungsfunktion des Geldes ist auch noch gegeben. Wer trotzdem dafür plädiert ein Freigeld einzuführen hat offensichtlich nicht verstanden wie Geld funktioniert.

 

Grüße vom Webfuchs

 

Quellen:

Wikipedia

Streifzüge

Fidelches Cosmos

Thinktankboy

anarchismus.at

Peter Bierl

 

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