Wie Geld entsteht

Würden die Menschen das Geldsystem verstehen, hätten wir eine Revolution noch vor morgen früh. sagte der Autobauer Henry Ford einmal. Ganz so schlimm ist es heute nicht mehr, aber die meisten Menschen haben eine völlig falsche Vorstellung davon wie unser heutiges Geldsystem wirklich funktioniert.

Ein Erklärungsversuch.

Was ist Geld eigentlich?

Geld ist ein Zahlungsmittel, das heißt man kann damit eine Ware oder Dienstleistung bezahlen. Das offizielle, gesetzliche Zahlungsmittel in der Eurozone sind Euromünzen und Euro-Geldscheine. Gesetzliches Zahlungsmittel bedeutet das die Anbieter in der Eurozone rechtlich verpflichtet sind Euro-Bargeld als Zahlungsmittel zu akzeptieren. Allerdings wird der weitaus größte Teil des Zahlungsverkehrs heutzutage nicht mehr mit Bargeld abgewickelt sondern durch Überweisungen oder Kreditkartenzahlungen.

Es gibt neben Bargeld noch andere Formen von Geld?

Ja. Wenn ein Kunde zur Bank geht und Bargeld auf sein Konto einzahlt geht das Geld in den Besitz der Bank über und der Kunde bekommt dafür den Betrag auf seinem Girokonto gutgeschrieben. Das Geld auf seinem Konto wird Buch- oder Giralgeld genannt und ist im Prinzip nichts anderes als der Anspruch des Kunden gegenüber seiner Bank, ihm für dieses Buchgeld wieder Bargeld zu beschaffen. Er hat aber auch die Möglichkeit diesen Anspruch auf Bargeld auf jemand anderen zu übertragen indem er z.B. eine Überweisung veranlasst oder mit seiner Kreditkarte bezahlt. Wenn ich also im Baumarkt Waren im Wert von 100 Euro mit meiner Karte bezahle habe ich anschließend 100 Euro weniger Ansprüche gegen meine Bank auf Beschaffung von Bargeld und der Baumarkt kann 100 Euro mehr Bargeld von seiner Bank verlangen.

Muss dann meine Bank nicht der anderen Bank Bargeld liefern damit die auch in er Lage ist das Geld an den Baumarkt auszuzahlen?

Jein. Jede Bank hat ein Konto bei der Zentralbank auf das sie das Bargeld ihrer Kunden einzahlt. Dafür bekommt sie eine Gutschrift auf ihr Zentralbankkonto, was ebenfalls nichts anderes ist als der Anspruch der Bank gegen die Zentralbank ihr Bargeld zu beschaffen. Wenn also der Kunde einer Bank dem Kunden einer anderen Bank Geld überweist dann überträgt die eine Bank der anderen Bank entsprechend ihren Anspruch auf die Beschaffung von Bargeld. Wenn also ein Bankkunde A 100 Euro Buchgeld von seinem Girokonto auf das Girokonto von Bankkunde B veranlasst dann machen die Banken das genau so, die Bank A überweist 100 Euro Zentralbankgeld auf das Zentralbankkonto von Bank B.

Was ist denn Zentralbankgeld?

Zentralbankgeld ist das Geld das von der Zentralbank geschaffen wird um den Zahlungsverkehr zwischen der Zentralbank und den Geschäftsbanken (den Banken bei denen die Kunden ihr Konto haben) abzuwickeln. Neben dem Geld das die Banken auf ihren Zentralbankkonten liegen haben ist auch das Bargeld, also Münzen und Scheine, Zentralbankgeld.

Wenn ich also 100 Euro an jemand anderen überweise dann überweisen sich die beteiligten Banken auch 100 Euro?

Nein. Die Banken verrechnen einmal am Tag ihre Forderungen gegeneinander. Wenn also Bank A von Bank B 80 Euro bekommen müsste und Bank B von Bank A 100 Euro dann überweist Bank A 20 Euro Zentralbankgeld an Bank B. Deshalb gibt es sehr viel weniger Zentralbankgeld also Buchgeld denn es wird einfach nicht soviel gebraucht.

Und das Zentralbankgeld erschafft die EZB einfach so?

Ja. Die Versorgung der Wirtschaftszone mit Geld ist die Aufgabe einer Zentralbank. Das funktioniert über sogenannte Offenmarktgeschäfte. Die Banken können sich dabei Geld von der EZB leihen, normalerweise für eine Woche.

Kostet das die Banken etwas?

Normalerweise schon, aktuell hat die EZB den Hauptrefinanzierungssatz allerdings auf 0% gesenkt, das heißt die Banken bekommen das Geld von der EZB umsonst. Die EZB steuert die Geldmenge unter anderem über die von ihr festgesetzten Leitzinsen:

  • Die Einlagefazilität: Der Zins den die Banken auf die Guthaben auf ihren Zentralbankkonten von der EZB bekommen
  • Die Hauptrefinanzierungsgeschäfte: Der Zins den die Banken zahlen müssen um sich auf dem normalen Weg der (die EZB bringt das Geld normalerweise über sogenannte Tender in Umlauf) Geld für einen bestimmten Zeitraum zu leihen.
  • Die Spitzenrefinanzierungsfazilität: Der Zins den die Banken zahlen müssen um sofort Geld von der EZB zu bekommen.

Erschafft die EZB auch das Buchgeld auf den Girokonten?

Nein. Buchgeld wird ausschließlich von den Geschäftsbanken geschaffen. Wenn ein Kunde zu seiner Geschäftsbank geht und einen Kredit bekommt dann schreibt die Bank dem Kunden den Kredtbetrag auf seinem Girokonto gut. Die Bank hat also quasi per Knopfdruck Geld erschaffen. Die Bundesbank schreibt dazu:

Wird einem Kunden ein Kredit über 1.000 Euro gewährt (z. B. Laufzeit 5 Jahre, 5 % p.a.), erhöht sich die Sichteinlage des Kunden auf seinem Girokonto um 1.000 Euro. Es ist Buchgeld entstanden oder es wurden 1.000 Euro Buchgeld geschaffen.

Die Buchgeldschöpfung ist also ein Buchungsvorgang. Buchgeld schafft eine Bank auch, wenn sie dem Kunden einen Vermögenswert abkauft und den Zahlbetrag auf dessen Konto gutschreibt. Der Kunde kann den gutgeschriebenen Betrag für Überweisungen nutzen oder auch in bar abheben. Typischerweise vergüten die Banken ihren privaten Kunden für Sichteinlagen auf dem Girokonto nur niedrige oder gar keine Zinsen.

Quelle: Bundesbank

Wie bitte? Die Banken können einfach so Geld erschaffen?

Jein. Sie benötigen dafür jemanden der einen Kredit aufnehmen will. Dabei entstehen nicht nur Guthaben sondern auch Schulden und zwar immer in gleicher Höhe. Wenn ich also 1000 Euro Kredit aufnehme habe ich einerseits 1000 Euro mehr Guthaben auf meinem Girokonto (mit denen ich sofort einkaufen kann) aber auch 1000 Euro Schulden aus dem Kreditvertrag (die ich nach und nach zurückzahlen muss). Beides zusammen ergibt immer 0 in der Ökonomie nennt man das eine Bilanzverlängerung.

Können die Banken also unendlich viel Geld erschaffen?

Nein. Die Banken müssen eine sogenannte Mindestreserve auf ihrem Zentralbankkonto haben um Kreditgeld erschaffen zu können. In der Eurozone liegt der Satz derzeit bei 1%. das heißt für jeden Euro Zentranbankgeld auf ihrem Zentralbankkonto kann die Bank über ihre Kreditvergabe 100 Euro Buchgeld selbst schöpfen.

Aber im Internet wimmelt es von Leuten die schreiben das die Buchgeldschöpfung der Banken nicht existiert oder das dadurch ganz sicher das Geldsystem zusammenbricht.

Das stimmt. Vor allem Freigeld/Vollgeldanhänger und Zinskritiker aller Art  versuchen den Leuten einzureden das unser Geldsystem einen (oder mehrere) Systemfehler hat an dem es zwingend zugrunde gehen wird. Das ist nichts als Blödsinn, wer das schreibt hat nicht verstanden wie Geld funktioniert.

Ich kann das irgendwie noch immer nicht glauben, gibts dafür Beweise?

Ja. Da es auch unter Ökonomen vereinzelt noch Zweifler an der Giralgeldschöpfung der Geschäftsbanken gibt hat der englische Professor Richard A. Werner, Professor für Bankwesen in Southampton, einen praktischen Versuch unternommen um herauszufinden was Banken genau bei der Kreditvergabe nachen (hier das englische Original). Er hat dafür bei der niederbayerischen Raiffeisenbank Wildenberg e.G. einen Kredit über 200.000 Euro aufgenommen und die Bank hat ihre Internen Prozesse, die bei der Vergabe stattgefunden haben, offengelegt. Dabei ist herausgekommen das die Zentralbankgeldmenge der Bank weder vor der Kreditvergabe geprüft wurde noch sich dadurch irgendwie verändert hat. Die Bank hat das Geld also tatsächlich selbst erschaffen.

Das Ergebnis verwundert allerdings nicht denn das die Geschäftsbanken das Geld für die Kredite selbst schöpfen ist unter Experten weitgehend anerkannt.

Beispiele:

Bundeszentrale für politische Bildung,

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Die Zeit

Aber die Zentralbank soll doch die Geldmenge kontrollieren, funktioniert das noch wenn die Geschäftsbanken das Geld selbst erzeugen?

Ja. Die EZB gibt keine exakte Geldmenge vor sondern sie setzt nur den Rahmen. Die Menge des Geldes das die  Banken schöpfen können ist durch die Menge an Zentralbankgeld begrenzt und das kontrolliert die EZB. Die Geldmenge insgesamt kann also maximal das hundertfache der Menge an Zentralbankgeld betragen. In der Praxis wird das durch weitere Vorschriften zur Bankenregulierung zusätzlich eingeschränkt (z.B. Basel 3).

Aber wer bestimmt jetzt wieviel Geld im Umlauf ist, die Geschäftsbanken?

Wie in einer Marktwirtschaft üblich: Angebot und Nachfrage. Buchgeld wird geschaffen indem Kredite vergeben werden und genau so ist das Buchgeld wieder verschwunden wenn der Kredit getilgt ist. Werden also mehr Kredite zurückgezahlt als Neue vergeben dann sinkt die Geldmenge, entsprechend steigt die Geldmenge wenn die Banken mehr Kredite vergeben als Alte getilgt werden. Üblicherweise sind die Banken immer daran interessiert Kredite zu vergeben denn damit verdienen sie ihr Geld und da sie das Kreditgeld selbst erzeugen ist die Geldmenge immer exakt so hoch wie die Nachfrage nach Geld.

Aber warum wollen die Banken überhaupt das Geld ihrer Kunden wenn sie das Kreditgeld sowieso selbst erzeugen?

Wenn ein Bankkunde sein Geld abhebt oder eine Überweisung veranlasst benötigt die Bank Zentralbankgeld. Für die Banken ist es normalerweise billiger das Geld zu verwenden das ihre Kunden eingezahlt haben zu verwenden als es sich von anderen Banken oder der Zentralbank zu leihen. Außerdem müssten sie dafür Sicherheiten hinterlegen und das müssen sie bei den Kundengeldern nicht, da ist die Reputation der Bank die Sicherheit. Vor allem aber geht es den Banken um Kundenbindung. Die Bankkunden fragen normalerweise bei Krediten und Geldanlagestrategien zuerst bei ihrer Hausbank nach und damit machen die Banken ihr Geschäft.

 

Grüße vom Webfuchs

Quellen:

Die Rolle der Zentralbanken bei der Kreditvergabe

Die Banken und ihre Kreditvergabe: Viel Theorie, wenig Empirie?

Wozu brauchen Banken Kundeneinlagen?

Empirischer Beweis: So machen Banken Geld

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